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Fragen an Karin Kalisa zu ihrem Buch ‚Sungs Laden‘

Wie kamen Sie auf die Idee für das Buch? Wie viel Ihres Romans ist wahr, wie viel erdacht?

KARIN KALISA: Das Thema des Buches habe ich, als ich 1999 von Hamburg nach Berlin-Prenzlauer Berg zog, buchstäblich auf der Straße gefunden. Ich war an türkische Gemüseläden gewohnt, an türkische Nähereien, an türkische Imbisse. Und dann war alles, was in Hamburg und anderswo türkisch war, hier auf einmal vietnamesisch. Phở statt Döner, auf diese Formel ließ sich das bringen. Ich staunte – und beließ es erst einmal dabei. Aber so richtig losgelassen hat mich die Frage, was hier eigentlich los war in meinem neuen Kiez, warum es so viel vietnamesische Präsenz und gleichzeitig so wenig nachbarschaftlichen Kontakt gab, dann doch nicht, und viele Jahre später habe ich angefangen, der Sache der vietnamesischen Vertragsarbeiter der DDR nachzugehen und dann stand mir auf einmal dieses Gedankenexperiment vor Augen: Was wäre wenn Ex-Vertragsarbeiter und Ureinwohnerschaft des Prenzlauer Bergs sich noch einmal neu begegnen könnten? Wichtig war mir, dass der historische Rahmen –Vertragsarbeitersituation, Vietnamkrieg, Wendezeit – sehr genau den Tatsachen entspricht. Dafür habe ich ausgiebig recherchiert. Aber das Personal des Romans, ihr Schicksal, die Handlung – dies alles ist erfunden, oder, wie es in Ihrer Frage eigentlich viel schöner formuliert ist: „erdacht“.

Wenn Sie Ihrem Kind (angenommen Sie hätten eines) ein Kulturgut Ihrer Heimat in die Schule mitgeben müssten, was würden Sie auswählen?

KARIN KALISA: Das ist eine wirklich gute und ziemlich knifflige Frage. Als erstes denkt man, besonders in diesem Jahr, vielleicht an Luthers Bibel-Übersetzung ins Deutsche. Sozusagen das Super-Kulturgut. Oder an eine Bach-Kantate. Oder an ein Schubert-Lied. Auch sehr schön. Aber damit ein Kind in die Schule schicken? Meine Kinder wären nicht sehr begeistert, fürchte ich. Wie wäre es mit dem Modell eines alten VW-Busses? So eine bunte Hippie-Naturkost-Variante, die dafür steht, friedlich auf Achse zu sein? Das würde mir gefallen. Inzwischen ist ja auch die Friedens- und die Öko-Bewegung den Jahren nach „historisch“ geworden – und gleichzeitig aktuell wie nie. Aus unserem kulturellen Selbstverständnis jedenfalls ist sie, glaube ich, kaum mehr wegzudenken. Kürzlich bezeichnete jemand Nena‘s Song „99 Luftballons“ als ein deutsches Kulturgut. Das wäre natürlich wunderbar grundschul-kompatibel: 99 bunte Luftballons und dazu diesen weltbekannten Song: „Hast Du etwas Zeit für mich? Dann singe ich ein Lied für Dich…“

Wenn Sie Sungs Mutter Hien auf eine Tasse Tee treffen könnten, was würden Sie sie fragen?

KARIN KALISA: Auch dies ist eine schöne und gar nicht leichte Frage. Hien, mit ihrem schweren Schicksal, als Kind die Schrecken des Vietnamkrieges erlebt zu haben, als junge Frau in ein fernes Land aufgebrochen zu sein, das an ihrer Arbeitskraft interessiert war, aber eine Schwangerschaft nicht akzeptierte, die als Mutter ihr erstes Kind hergeben musste – all diese Dinge würde man bei einer ersten Tasse Tee wohl niemals direkt ansprechen. Aber was ihr das vietnamesische Wasserpuppenspiel bedeutet, wie genau sie es erlernt hat, ob sie meint, dass es eine Zukunft hat und wenn ja, welche – das würde ich sie gern fragen. Und dann noch, welche politischen Schriften der Verlag, in dem sie gearbeitet hat, publiziert hat. Wer waren die Autoren? Hat sie die Bücher alle gelesen? Sagen sie ihr auch heute noch etwas? Würde sie wieder in einem solchen Verlag arbeiten wollen, wenn sie ein ähnliches Angebot bekäme, heute, in einem anderen Land…

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Vietnam? Haben Sie Rückmeldungen von Menschen mit vietnamesischem Hintergrund zum Buch bekommen? Wenn ja, welche?

KARIN KALISA: Die erste schöne Rückmeldung war eine Einladung zur Ersten Studentischen Vietnam-Konferenz an die Humboldt-Universität in Berlin, über die ich mich sehr gefreut habe und wo einige Studenten und Studentinnen mit vietnamesischer Herkunft mir sehr freundliche Rückmeldungen gegeben haben. Und riesig gefreut habe ich mich auch über die Übersetzung von ‚Sungs Laden’ in die vietnamesische Sprache, die vom Goethe-Institut in Hanoi unterstützt wurde. Der Übersetzer, Lê Quang hat selbst einige Zeit in Ost-Berlin gelebt. Der vietnamesische Titel lautet „Con Rối Tha Hương“, was so viel bedeutet wie „Eine Holzpuppe fern der Heimat“.

Sie haben sich „als Wissenschaftlerin mit asiatischen Sprachen, Philosophie und ethnologischen Beschreibungen beschäftigt“, so die Verlagsinformation. Inwieweit war dieses Wissen wichtig beim Schreiben des Buches? Hätten Sie es auch ohne diesen Hintergrund schreiben können?

KARIN KALISA: Ich denke, es war mein Hintergrund als Japanologin, der mir den Weg in den Stoff gewiesen hat, ohne dass ich mich während des Studiums je auch auf Vietnam spezialisiert hatte. Jedenfalls hat mir meine wissenschaftliche Ausbildung auch dabei geholfen, Recherchen durchzuführen, den Stoff zu sortieren und das Buch zu konzipieren. Und dann hat es natürlich unglaublich viel Spaß gemacht, einmal auf eine ganz andere Weise zu schreiben.

Würden Sie uns ein gutes Rezept für eine vietnamesische Nudelsuppe verraten? Oder uns Ihr vietnamesisches Lieblings-Restaurant nennen?

KARIN KALISA: Jetzt haben sie mich erwischt. Ich und Kochen. Hm. Aber: Wenn Sie Ihre Wege einmal nach Berlin in den Prenzlauer Berg führen sollten, werden Sie neben den vielen, vielen vietnamesischen Imbissen, die aus dem Stadtbild und unserem Alltag nicht wegzudenken sind, inzwischen auch vietnamesische Restaurants der „zweiten Generation“ finden, also solche, in denen die Kinder und Kindeskinder der ehemaligen Vertragsarbeiter ihre traditionellen Gerichte „neu interpretieren“, wie man heute sagt. Und das ist kulinarisch sehr beeindruckend. Ich möchte keines eigens hervorheben, aber Sie werden sie finden, da bin ich ganz sicher…

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    Am Beispiel eines fiktiven Dorfes erzählt die Autorin vom Strukturwandel der Landwirtschaft ab den 1960er Jahren und seine Auswirkungen auf das Leben der Bewohner bis heute. Hansens erster Roman »Altes Land« wurde 2015 zum »Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels« gekürt.

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    Unsere Taschenbuch des Monats:

    Das Sandkorn von Christoph Poschenrieder

    Ein Mann streut Sand aus Süditalien auf den Straßen von Berlin aus. In Zeiten des Kriegs ist solch ein Verhalten nicht nur seltsam, sondern verdächtig. Der Kommissar, der den Fall übernimmt, stößt unter dem Sand auf eine Geschichte von Liebe und Tabu zwischen zwei Männern und einer Frau. Ein Zeitbild von 1914, aus drei ungewöhnlichen Perspektiven.

    Das Buch wurde 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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