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5 Fragen an die Buchhandlung Strips & Stories, Hamburg

Strips &Stories ist ein Buchladen in Hamburg mit Schwerpunkt auf Comics und Graphic Novels. Wir haben mit Gesine Claus und Hans Ebert im August 2015 gesprochen:

Wie kommt man auf die Idee eine Buchhandlung zu gründen, die ihren Schwerpunkt auf Comics und Graphic Novels legt?

(Hans Ebert:) Als Erstes ist sicherlich die Leidenschaft und Begeisterung zu nennen, die man selbst für diese Bücher empfindet. Ebenso wie beispielsweise Romane oder Musik, stellen sie eine Kultur- bzw. Kunstform dar, die sich mit der Welt um einen herum auseinandersetzt und diese auch stetig neu erfindet. Das kann auf triviale Weise oder höchst reflektiert geschehen, wichtig sind für uns vor allem die Möglichkeiten, die die Form mit sich bringt: die Kombination von Wort und Bild bietet eine eigenständige Ausdrucksmöglichkeit, mit der unglaublich vielfältig erzählt werden kann.

Strips & Stories Buchhandlung Hamburg,

Strips & Stories Buchhandlung, Hamburg

Vor der Gründung des Ladens ist uns aufgefallen, dass die Comics, die uns besonders gut gefallen, sowohl in regulären Buchläden als auch in Comicshops nicht den Platz bekommen, den sie verdienen. Wir haben uns deshalb entschlossen, einen “Buchladen für Graphic Novels” zu eröffnen, weil diese Beschreibung unserer Vorliebe am nächsten kam und eine Lücke in Hamburg bestand. Wir wollten anspruchsvolle Comics in den Mittelpunkt stellen, die uns zeichnerisch als auch erzählerisch selbst sehr gut gefallen und für die wir einen Markt auch jenseits des üblichen Comicpublikums sahen.
Als konkrete Inspiration und Vorbild diente der Drawn & Quarterly–Laden in Montreal. Der Buchladen einer der wichtigsten Verleger von unabhängigen Comics in Nordamerika wirkt auf den ersten Blick wie eine reguläre Buchhandlung und erst beim Stöbern fällt auf, dass er voller Comicbücher ist. Wir wollten uns in diesem Sinne von der manchmal nerdigen und selbstreferenziellen Comicszene abgrenzen und einen offenen Raum auch für Leute schaffen, die bisher noch wenig oder keine Comic gelesen haben. Für uns lag da ein großes Potenzial, da Comics in der deutschen Alltagskultur keineswegs so verwurzelt sind, wie das beispielsweise in Frankreich, Nordamerika oder Japan der Fall ist.
Last but not least gibt es im südlichen St. Pauli keinen weiteren Buchladen, eine weitere Lücke, die wir schließen wollten.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Comics und Graphic Novels? Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten?

(Hans Ebert:) Graphic Novels sind zunächst einmal nichts anderes als Comics. Das geht in der öffentlichen Debatte oftmals unter, da der Begriff als Marketinginstrument benutzt wird, um Comics auch jenseits der eigentlichen Szene verkaufen zu können. Seit einige Comcis Graphic Novels heißen, laufen sie auch in Buchhandlungen gut. Eine wissenschaftliche oder zumindest halbwegs klare Definition gibt es nicht, darum ist der Begriff auch recht umstritten. Das finden wir gar nicht schlimm, denn im Grunde unterstützt es unser Vorhaben, ein Buchladen für gute Comics jenseits von Superhelden- und Abenteuergeschichten zu sein, mit einem nutzbaren Label, welches wir selbst mit Inhalten füllen können. Wir sind mit AutorInnen wir Daniel Clowes, Julie Doucet oder den Hernandez-Brüdern groß geworden, die stilprägend waren, für das, was wir unter guten Graphic Novels verstehen. Anspruchsvolle, tiefgründige Geschichten, ein ansprechender, nicht zu glatter Zeichenstil würden wir als Merkmale nennen. Verlage wie z.B. Reprodukt oder avant scheinen an dieser Stelle relativ ähnliche Ansprüche zu haben – sie und viele weitere sehen wir an dieser Stelle als Verbündete, im „Kampf“ für gute Comics.
Und sicherlich, ein Graphic Novel Aufkleber auf dem Cover macht nicht automatisch ein gutes Buch, aber Buchhandlungen haben auch den Auftrag, die Spreu vom Weizen zu trennen und dem kommen wir bei Empfehlungen und bei unserer Vorauswahl nach.

Wer sind Ihre Kunden? Welche Veranstaltungen organisieren Sie rund um das Thema Comics / Graphic Novels in Ihrer Buchhandlung?

(Gesine Claus:) Zu uns kommt ein sehr gemischtes und interessiertes Publikum. In etwa vergleichbar mit KundInnen einer thematischen Fachbuchhandlung. Da wir versuchen, eine offene Atmosphäre zu schaffen, kommen zu uns sowohl Comicfans auf der Suche nach neuen Sachen, als auch völlige Neulinge, die sich schon länger für Comics interessieren, aber die Hemmschwelle bisher in anderen Läden nicht überwinden konnten. Da wir von unseren Büchern begeistert sind, freuen wir uns natürlich über das Interesse und beraten gerne und ausführlich.

Für uns war es von Anfang an wichtig den Laden nicht nur als Verkaufsraum zu interpretieren, sondern einen Raum für einen künstlerischen und inhaltlichen Austausch zu schaffen und Leute zu vernetzen. Unbekannten KünstlerInnen eine Möglichkeit zu geben ihre Arbeiten zu präsentieren ist uns dabei genauso wichtig, wie Comic-Release Veranstaltungen mit etablierteren Zeichner_innen zu organisieren. Diese Veranstaltungen finden einerseits bei uns im Laden statt, auf der anderen Seite haben wir aber auch ein großes Netzwerk in der Hamburger Kulturlandschaft aufgebaut. Dabei hatten wir u.a. schon Kooperationsveranstaltung mit dem Reeperbahnfestival, Filmfest Hamburg, den Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg, dem Harbourfront Literaturfestival, dem Literaturhaus Hamburg oder Stadteilinitiativen, Galerien und Kneipen. Der enge Austausch und die gute Zusammenarbeit mit den Verlagen sind dafür natürlich die Grundlage. Außerdem unterstützen wir seit Beginn unserer Gründung das Comicfestival Hamburg. Uns ist es ein großes Anliegen über ein bloßes Verkaufen und Konsumieren von Comics hinaus ein inhaltliches Angebot für Interessierte anzubieten.

Graphic Novels sind in Literaturkreisen (bislang) kaum bekannt. Ein möglicher Einstieg wäre einen Klassiker zusammen mit der dazu passenden Graphic Novel zu lesen und zu diskutieren. Mit welchen Argumenten würden Sie versuchen einen Literaturkreis davon zu überzeugen?

(Hans Ebert:) Ehrlich gesagt halten wir relativ wenig von diesem Vorschlag. Das mag im Einzelfall funktionieren, aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass man Comicneulinge eher mit (z.B. den unten genannten) Graphic Novel – Klassikern ködert. Der Fokus liegt somit von vornherein auf dem Comic als solchem und nicht auf dem Vergleich zur literarischen Vorlage. Nur wenigen Adaptionen gelingt es, dem Ursprungstext etwas Eigenes hinzuzufügen oder etwas Neues daraus zu machen, dieser hat sich ja nicht umsonst zum Klassiker entwickelt. Als Ausnahme könnte man „Paul Austers Stadt aus Glas“ von David Mazzucchelli und Paul Karasik nennen oder die Literaturadaptionen von Nicolas Mahler, aber das sind wiederum eher Titel für Fortgeschrittene.
Für uns zählt vielmehr die Erkenntnis, dass der Comic in seiner eigenen Form und Erzählweise bzw. sogar als Kunstform entdeckt werden muss. Und für diese Erkenntnis sind gute Comics von Nöten und nicht die naturgemäß oftmals nur mittelmäßigen Literaturadaptionen.

In den USA gibt es sogar Literaturkreise (Book Clubs), die ausschließlich Graphic Novels lesen und diskutieren. Könnten Sie sich vorstellen solch eine Gruppe in Ihrer Buchhandlung zu organisieren?

(Hans Ebert:) Unsere Buchhandlung versteht sich wie oben beschrieben auch als kultureller Ort. Im Alltag diskutieren wir mit KundInnen und befreundeten ZeichnerInnen die Klassiker und Neuerscheinungen und laden zudem viele ZeichnerInnen in den Laden ein, um ihre Arbeit vorzustellen. Die Diskussionen finden also bereits statt, allerdings nicht in dem institutionellen Rahmen eines Literaturkreises. Wir könnten uns durchaus vorstellen, auch diese Form des Austausches einzuführen, vielleicht in Kooperation mit den Bücherhallen oder kulturellen Stadtteilinitiativen.

Was ist/sind Ihre persönliche(n) Lieblings-Graphic-Novel(s) und warum?

(Gesine Claus:) Es gibt sicherlich eine Leidenschaft für absolute TopTitel, die uns verbindet. Klassiker, die wir immer empfehlen können, weil sie prägend für ihr Genre oder ihre Zeit waren und inhaltlich kein bisschen von ihrer Kraft verloren haben. Dazu gehören unbedingt: „Maus“ von Art Spiegelman, „Fun Home“ von Alison Bechdel, „Persepolis“ von Marjane Satrapi, „Ghost World“ von Daniel Clowes oder „Der alltägliche Kampf“ von Manu Larcenet. Darüber hinaus hat man natürlich noch absolute Lieblings-Comics und KünstlerInnen, die einen persönlich besonders berühren oder gedanklich weitergebracht haben – die wichtig für einen sind, weil man sich in ihnen wiederfindet oder nach dem Lesen anders auf die Welt blickt. Für mich waren das u.a. die Comics von Ariel Schrag („Potential“), Lynda Barry („One Hundred Demons“) und Terry Moore („Strangers in Paradise“). Diese herausragenden Werke werden mich immer begleiten und das Schöne ist, dass man sie wie eine gute Freundin immer an seiner Seite im Bücherregal hat. Aber auch bei den neueren Sachen findet man immer wieder exorbitant Gutes. Zuletzt das beeindruckende „This One Summer“ („Ein Sommer am See“) von den Tamaki-Cousinen.

(Hans Ebert:) Jaime Hernandez ist für mich der wahrscheinlich beste Comiczeichner der Welt. Schon als Schüler entdeckte ich seine Bücher und damit eine Welt jenseits der Mainstream-Comics am Kiosk. Seit über 30 Jahren erzählt er die Geschichte von zwei in L.A. lebenden Frauen und ihrem Umfeld. Tiefgehend, vielschichtig, smart und grandios gezeichnet. Ein Comic, mit dem man gemeinsam alt werden kann. Wichtig für diese Zeit waren auch Julie Doucet, Daniel Clowes oder Chester Brown. Ohne sie gäbe es vermutlich kein Strips & Stories.
Richtig begeistert war ich zuletzt von der Reihe „Blast“ von Manu Larcenet, einem auch im wörtlichen Sinne gewaltigen Comic, welcher Sozialdrama, Krimi und Roadmovie zugleich ist. Ebenso zu empfehlen: „Die Heimatlosen“ von Paco Roca, in dem die Geschichte eines spanisches Antifaschisten erzählt wird, der zunächst gegen Franco kämpft und Jahre später bei der Befreiung von Paris dabei sein wird.
Um es nicht ausufern lassen, abschließend nur noch einige bis jetzt nicht erwähnte ZeichnerInnen, von denen man mindestens ein Buch gelesen haben sollte: Gabrielle Bell, Gipi, Jul Gordon, Martina Lenzin, Rutu Modan, Joann Sfar, Chris Ware und Julia Wertz. Diese Liste ist so unvollständig wie nur irgendetwas.

Über die Buchhandlung Strips & Stories

Gesine Claus und Hans Ebert  © Martina Lenzin

Gesine Claus und Hans Ebert
© Martina Lenzin

Strips & Stories ist ein Buchladen mit dem Schwerpunkt auf Comics und vor allem Graphic Novels, mitsamt einer kleinen Ecke zu Kultur, Politik, Kunst, Hamburg und St. Pauli sowie einigen ausgewählten Kinderbüchern, Romanen und Zeitschriften.

Der Buchladen wurde 2010 von Hansjörg Ebert gegründet, Gesine Claus kam wenig später dazu.

www.strips-stories.de
www.facebook.com/comics.hamburg

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