• Die Literaturcommunity für Lese- und Literaturkreise und anspruchsvolle LeserInnen.

    • die besten Buchtipps
    • Tipps zur Gründung, Buchauswahl und Diskussion
    • Specials zu Buchthemen
    • Infos zu Literatursendungen im TV, Literaturfestivals und wichtigen Buchpreisen

5 Fragen an Kristina Folz, Expertin für die Literatur des Mittelalters

Kristina Folz hat sich während ihres Magisterstudiums auf mittelalterliche Literatur spezialisiert und gibt Kurse zum Thema. Mein-Literaturkreis.de hat mit ihr über Mittelalterliche Literatur und deren Eignung zur Lektüre für ‘normale’ LeserInnen und Literaturkreise gesprochen.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit mittelalterlicher Literatur zu beschäftigen?

Wer in Heidelberg Germanistik studiert, wird automatisch mit mittelalterlicher Literatur konfrontiert, denn dort gehört die Mediävistik, also die Lehre vom Mittelalter, zum Pflicht-programm. In den ersten beiden Semestern müssen die Studierenden die „Einführung in das Mittelhochdeutsche“ bestehen. Das ist für viele erst einmal ein Schock, weil der Kurs als relativ schwer gilt und man in der Schule nicht darauf vorbereitet wird.

Ich fand die Einführung (trotz aller Härte) ziemlich interessant und habe mich nach einigen Semestern als Mittelhochdeutsch-Tutorin beworben. Dabei helfen ältere Studierende denjenigen, die frisch an die Uni gekommen sind und den Einführungskurs belegen. Und je intensiver ich mich mit der mittelalterlichen Sprache und Literatur beschäftigt habe, desto interessanter fand ich sie. Deshalb habe ich meine Magisterarbeit über den „Parzival“ Wolframs von Eschenbach geschrieben – ein großartiger Roman!

Was unterscheidet mittelalterliche Literatur von aktuellen Werken?

Einiges – und das schreckt viele Leser erst einmal ab. Zunächst ist da die Sprache. Auch wenn das Mittelhochdeutsche dem Neuhochdeutschen recht ähnlich klingt, gibt es doch deutliche Unterschiede. Deswegen braucht man als Laie eine gute Übersetzung, die inhaltlich und stilistisch dem Original nahekommt. Sonst geht der Zauber verloren. Dass die Dichtung (zumindest im Original) fast immer gereimt ist, schreckt sicher auch manchen ab.

Außerdem sind Figuren in mittelalterlicher Literatur nicht so gestaltet, wie wir das aus heutigen Romanen kennen: Psychologische Wahrscheinlichkeit spielte damals keine Rolle. Die Figuren handeln so, wie es dem Handlungsfortgang am besten dient. Das hat zur Folge, dass es Widersprüche gibt, die uns heute stören. Im Mittelalter hat das dem Publikum dagegen gar nichts ausgemacht. Ein Zeitgenosse schildert beispielsweise, er sei völlig ergriffen und zu Tränen gerührt, wenn er Geschichten von Artus und seinen Rittern höre. Damit war er sicherlich nicht alleine.

Leider muss man sagen, dass die mittelalterliche Gesellschaft recht frauenfeindlich war und das schlägt sich gelegentlich in der Literatur nieder. Glücklicherweise gibt es aber auch Ausnahmen, bei denen starke und interessante Frauenfiguren auftreten. Zahlreiche bedeutende Romane des Mittelalters sind außerdem nur als Fragmente erhalten. Damit kommen wir heute nur schlecht klar. Wir wollen wissen, wie es ausgeht und stehen etwas verloren da, wenn das Liebesdrama von Tristan und Isolde plötzlich und ohne die Aussicht auf irgendeine Lösung abbricht. Aber es gibt auch vieles, was mittelalterliche und zeitgenössische Literatur verbindet.

Was fasziniert Sie persönlich am meisten an der Literatur des Mittelalters?

Wie modern sie in vielerlei Hinsicht ist. Das klingt jetzt vielleicht komisch nach all den Argumenten, warum mittelalterliche Literatur so anders ist als die zeitgenössische. Aber die Themen, die damals verhandelt wurden, sind noch heute aktuell: Wie kann ich richtig leben? Wie begegnen wir fremden Religionen? Was ist die richtige Liebe? Wie gehen wir mit Erfolg und Scheitern um?

Manche Antworten fielen damals ganz anders aus, andere sind fast die gleichen, die wir heute geben. Es ist doch spannend zu sehen, wie sich das Weltbild früher und heute teilweise deckt und teilweise unterscheidet. Außerdem sind einige Dichtungen wirklich lustig und stecken voller historischer Anspielungen, zum Beispiel Wolframs „Parzival“.

Vieles von dem, was in der mittelalterlichen Literatur seinen Ursprung hat, zeigt noch in der Gegenwart Spuren: Es gibt viele Bücher und Filme über König Artus und seine Tafelrunde, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind; der erste deutsche Artusroman entstand um 1180. Weiterentwicklungen oder Anlehnungen an mittelalterliche Literatur erleben wir auch auf der Bühne, zum Beispiel bei den Nibelungenfestspielen oder in Wagners großen Opern „Parsifal“, „Der Ring des Nibelungen“ oder „Tristan und Isolde“.

Haben Sie einen oder mehrere Lieblingsautoren oder -werke?

Besonders faszinierend finde ich Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. Walther kritisiert in seinen Sangsprüchen immer wieder die Gesellschaft, die Kirche, die Politik – und das bissig, witzig und mit großem Erfolg. Er warf zum Beispiel Papst Innozenz III vor, Geld aus Opferstöcken zu veruntreuen. Daraufhin sei die Spendenbereitschaft der Deutschen deutlich zurückgegangen, berichtet uns ein anderer Dichter. Walthers Sangsprüche in einer kommentierten Ausgabe eigenen sich auch für interessierte Laien gut als Einstieg, weil sie so lebensnah und spannend sind.

Wolfram von Eschenbach hat mehrere große Werke verfasst. Neben dem „Parzival“, der unglaublich komplex, klug, anspielungsreich und witzig ist, ist besonders der „Willehalm“ interessant. Konkret geht es um die Kämpfe zwischen Christen und Ungetauften. Zugegeben: Die Geschichte ist für moderne Leser etwas langatmig. Aber im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen stellt Wolfram die „heiden“ (darunter fallen unter anderem Muslime und Ungetaufte) nicht als Teufelsbrut oder Monster in Menschengestalt dar, sondern als Teil der Schöpfung und Gotteskinder, die lediglich dem falschen Glauben angehören. Das ist doch beachtlich, wenn man bedenkt, dass zur gleichen Zeit immer wieder Kreuzzüge stattfanden.

Warum sollten Literaturkreise Werke aus der Zeit des Mittelalters lesen und diskutieren?

Natürlich ist es einfacher, einen zeitgenössischen Unterhaltungsroman zu lesen als mittelalterliche Romane, das ist keine Frage. Aber es gibt gute Gründe dafür, die mittelhochdeutsche Literatur einmal zu „beschnuppern“: In Büchern und Filmen ist das Mittelalter ein beliebtes Thema. Da ist es doch interessant, einmal das Original kennenzulernen. Wir lernen aus historischen Texten einiges über die Vorstellungen von Glück und Leid, Erfolg und Scheitern sowie den Umgang mit Menschen. Das bringt uns das Mittelalter viel näher als Dokumentationen oder Historienromane.

Außerdem gibt es heute noch Überbleibsel der mittelalterlichen Literatur, die wir gar nicht richtig verstehen. Nehmen wir beispielsweise das „Nibelungenlied“: Die meisten wissen, da war irgendwas mit einem Drachen und Siegfried und Hagen und einem Schatz. Aber gelesen hat kaum jemand dieses Epos. Dabei wurde es im Nachhinein von verschiedenen Generationen ganz unterschiedlich aufgenommen und teilweise schändlich missbraucht. Da ist es doch lohnend, sich mit dem Original zu beschäftigen, das nichts mit der sprichwörtlichen „Nibelungentreue“ der Nazis zu tun hat.

Literaturkreise sind der ideale Ort, um mittelalterliche Literatur näher kennenzulernen, weil man kontrovers und intensiv über Inhalte und Hintergründe diskutieren kann und nicht mit seinen Gedanken und Fragen allein gelassen wird. Außerdem sind Literaturkreise doch dazu da, etwas Neues kennenzulernen und den Horizont zu erweitern. Ich kann wirklich nur empfehlen, sich darauf einzulassen. Es gibt viel Spannendes zu entdecken.

Über Kristina Folz

Kris-FolzKristina Folz studierte an der Universität Heidelberg Germanistik, Politikwissenschaft und europäische Kunstgeschichte auf Magister. Währenddessen arbeitete sie als Mittelhoch-deutsch-Tutorin und spezialisierte sich auf mittelalterliche Literatur. Dem aktuellen Zeitgeschehen widmete sie sich unter anderem als freie Mitarbeiterin zweier Tageszeitungen. Nach ihrem Studium absolvierte sie ein Volontariat in einem kleinen Fachbuchverlag. Seit 2015 betreibt sie freiberuflich das Lektorats- und Redaktionsbüro „Perflekt“. Nebenbei ist sie als Autorin von Büchern und Lehrmaterialien sowie als vhs-Kursleiterin tätig.

Das Thema ‘Mittelalterliche Literatur’ interessiert Sie? Wir haben ein ausführliches Special zum Thema zusammengestellt, mit Hintergrundinfos, Interviews, Diskussionsfragen und – natürlich – vielen Buchtipps! » zu unserem Special ‘Mittelalterliche Literatur’

Werbung

Anzeige

     Neues Buch der koreanischen Bestseller-Autorin

Sun-mi Hwang, Der Hund, der zu träumen wagte

Der erstmals auf Deutsch erhältliche Klassiker ist eine Fabel über Liebe und Verlust, über Vertrauen und Enttäuschung und darüber, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier kleiner ist, als man meint.

» Infos und Leseprobe

FOLGEN SIE KEIN & ABER

 auf Facebook

Werbung – Winterson

Anzeige

     Ein Roman über die heilenden Kräfte der Zeit

Winterson-Der-weite-Raum-der-Zeit

Jeanette Winterson erzählt Shakespeares ‘Das Wintermärchen’ neu. An der Vorlage entlang entwickelt sie eine moderne Geschichte über zerstörerische Eifersucht und die Sehnsucht, Fehler wiedergutzumachen.

» Infos und Leseprobe

FOLGEN SIE KNAUS

 auf Facebook

  • Unsere Neuentdeckung des Monats

    Unsere Neuentdeckung des Monats:

    ‘Das geträumte Land’ von Imbolo Mbue

    Zwei Familien in den USA, die den amerikanischen Traum leben wollen: Die Edwards, die vom Einkommen von Investmentbanker Clark hervorragend leben können und die Jongas, Immigranten aus Kamerun, die in den USA ein besseres Leben suchen. Das Leben der Familien verknüpft sich, als Familienvater Jende bei den Edwards als Chauffeur beginnt. Doch dann kommt die amerikanische Finanzkrise und die Träume beider Familien zerplatzen…

    Imbolo Mbue wurde in Kamerun geboren und lebt seit über 10 Jahren in den USA. Ihr Debütroman wurde 2017 mit dem renommierten PEN/Faulker Literaturpreis ausgezeichnet.

    Wir stellen das Buch und die Autorin ausführlich vor und verlosen ein Buchpaket vom Verlag Kiepenheuer & Witsch an einen Lesekreis:

    » zum Buch und der Verlosung

  • Buch des Monats Juni 2017

    Unser Buch des Monats:

    ‘Die Betäubung’ von Anna Enquist

    Facettenreich schildert die Autorin, wie Menschen mit dem Schmerz durch Tod eines ihnen nahestehenden Menschen umgehen. Geschickt baut die Autorin die Handlung analog einer musikalischen Komposition auf. Auch der Inhalt offenbart zahlreiche musikalische Anknüpfungspunkte.

    Die Niederländerin Anna Enquist  ist ausgebildete Konzertpianistin und arbeitete lange Jahre als Psychoanalytikerin. Seit 1991 veröffentlicht sie Gedichte, Romane und Erzählungen. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet.

    Wir stellen das Buch und die Autorin ausführlich vor:

    » zum Buch, Leseprobe und Diskussionsfragen

  • Werbung Sidebar rechts

    Anzeige

    Für Fans intelligenter Krimis!

    Werbung-Noll-Der-MittagstischNelly kocht für zahlende Mittagsgäste, darunter ein hübscher Elektriker. Leider ist er in Begleitung. Doch die hat eine Allergie …

    Ingrid Noll, die Grande Dame der Krimis, serviert eine Kriminalkomödie.

    » Infos und Leseprobe

    FOLGEN SIE DIOGENES: 
     auf Facebook

  • Autor des Monats: Selma Lagerlöf

    Unsere Autorin des Monats:

    Selma Lagerlöf

    Lagerlöf ist vielen von der Verfilmung ihres Buches ‘Nils Holgersson’ bekannt. Auch wenn der Roman im Auftrag des schwedischen Volksschullehrerverbandes entstand und in den Schulen als Lesebuch verwendet werden sollte, empfehlen wir das Buch gerade auch erwachsenen Lesern. Bekannt wurde sie auch durch ‘Gösta Berling’.

    1909 erhielt Selma Lagerlöf als erste Frau den Literaturnobelpreis „auf Grund des edlen Idealismus, des Phantasiereichtums und der seelenvollen Darstellung, die ihre Dichtung prägen“.

    Wir stellen die Autorin ausführlich vor und verlosen ein Buchpaket an einen Lesekreis:
    »zur Autorin

  • Buchtipps Asien

    Unser Thema des Monats:

    Buchtipps Asien: 10 Länder – 10 Bücher

    Sie würden in Ihrem Literaturkreis gerne ein Buch aus einem ganz anderen Kulturkreis diskutieren? Wie wäre es mit Asien? Zusammen mit Litprom e.V., einem Förderer der Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt, wollen wir Ihnen empfehlenswerte Bücher aus anderen Ländern vorstellen. Den Anfang macht ASIEN!

    » zu den Buchtipps aus Asien

  • Bücher online in Ihrer Buchhandlung kaufen!

    Bücher online in Ihrer Buchhandlung kaufen!

    Über buchhandlung-finden.de kann man bewusst, lokal und online einkaufen. Bestellte Titel können nicht nur nach Hause geliefert, sondern sogar direkt vor Ort in der Lieblingsbuchhandlung abgeholt werden. Viele Buchhandlungen sind bereits dabei. 

    »zur Webseite der Buchhandlungen