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Der Verlorene
Suhrkamp Verlag
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Der Verlorene

Hans-Ulrich Treichels Erzählung handelt von einer Familie, an deren Leben nichts außergewöhnlich scheint: Der Flucht aus den Ostgebieten im letzten Kriegsjahr folgt der erfolgreiche Aufbau einer neuen Existenz in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Doch es gibt für sie nur ein einziges, alles beherrschendes Thema: die Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, nach Arnold.

»Arnold ist nicht tot. Er ist auch nicht verhungert«. Das erfährt der kleine Bruder und Ich-Erzähler eines Tages von seinen Eltern: »Jetzt begann ich zu begreifen, daß Arnold, der untote Bruder, die Hauptrolle in der Familie spielte und mir die Nebenrolle zugewiesen hatte.« In der Vorstellung des Jungen wird das, was der Eltern größter Wunsch ist, zum Alptraum: daß der Verlorene gefunden wird.

Lakonisch-distanziert und zugleich ungemein komisch erzählt Treichel von den psychischen Auswirkungen der Brudersuche, von den emotionalen Höhen und Tiefen und den subtilen Mechanismen, die die Eltern und auch der Sohn im Umgang mit dieser alle belastenden Situation entwickeln.

Über das Buch

Hans-Ulrich Treichel wuchs selbst als Kind von Vertriebenen auf. Auch in seiner Familie gibt es einen verlorenen Bruder. Seine Mutter hielt den Verlust aber bis kurz vor ihrem Tod 1991 vor Treichel und seinen Brüdern geheim. Schon in der Sammlung „Von Leib und Seele“ hatte Treichel literarisch die Vertreibung seiner Eltern thematisiert, das triste Leben in der westfälischen Kleinstadt und die Ausgrenzungsmechanismen gegenüber den Vertriebenen.

Treichel selbst sieht sein Schreiben als Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie, als Wahrheitssuche: „.. ich glaube, ich suche nach der Wahrheit über mich, nach der wahren Geschichte. … Landläufig denkt man ja immer, es gibt die Wirklichkeit der Erfahrung und dann gibt es die Erfindung oder die konstruierte Erinnerung. Ich zweifle an der Wirklichkeit der Erfahrung, an dem Authentizitätsstatus des Subjekts. Ich bin mir nicht so sicher, wie echt meine Erfahrungen sind. Das heißt, ich bekomme erst ein biografisches Kontinuitäts- und Substanzgefühl, wenn ich etwas zu meinem empirischen Leben hinzu erfinde. Ich werde erst schreibend autobiografisch.“ (aus: Hans-Ulrich Treichel: Man möchte Varianten des eigenen Lebens erzählt bekommen, Hans-Ulrich Treichel im Gespräch mit André Hille, Kulturmagazin Kunststoff Heft 7, 10. August 2007)

Über Hans-Ulrich Treichel

Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Seit 1995 ist Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Interview mit Hans-Ulrich Treichel zum Thema ‚Die Zukunft von Mensch und Technologie‘ » zum Interview

Auszeichnungen

  • Preis der Frankfurter Anthologie 2007
  • Eichendorff-Literaturpreis 2006
  • Kritikerpreis des Verbands der deutschen Kritiker 2006
  • Poetik-Dozentur Mainz 2006
  • Hermann-Hesse-Preis der Stadt Karlsruhe 2005 (Hans-Ulrich Treichel erhielt den Hermann-Hesse-Preis 2005 für Menschenflug. Die Jury lobte das »melancholisch, effektvoll komödiantisch erzählte« Buch und Treichels »Leichtigkeit beim Schreiben über existenziell niederdrückende Dinge«.)
  • Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis 2003
  • Margarete-Schrader-Preis für Literatur 2003
  • Poetik-Dozentur Frankfurt am Main 2000
  • Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 1993
  • Stipendiat der Villa Massimo/Rom 1988
  • Leonce- und Lena-Preis 1985

Werke von Hans-Ulrich Treichel

Als Autor und Professor für an der Universität Leipzig umfasst Treichels Werk nicht nur Romane/Prosa, sondern auch Gedichte, literaturwissenschaftliche Essays, Libretti (Texte zu Musikstücken wie Opern, Operetten, Musicals, etc.). Zudem hat er mehrere Editionen herausgegeben, vor allem zu Wolfgang Koeppen, über den er promovierte.

Prosa

  • Von Leib und Seele, Berichte. 1992
  • Heimatkunde oder Alles ist heiter und edel, Besichtigungen. 1996
  • Der Verlorene, Roman. 1998
  • Tristanakkord, Roman. 2000
  • Der irdische Amor, Roman. 2002
  • Menschenflug, Roman. 2005
  • Der Papst, den ich gekannt habe, Erzählung. 2007
  • Anatolin, Roman. 2008
  • Grunewaldsee, Roman. 2010
  • Mein Sardinien. Eine Liebesgeschichte. 2012

Lyrik

  • Ein Restposten Zukunft, Gedichte. 1979
  • Tarantella, Gedichte. 1982
  • Aus der Zeit des Schweigens. 9 Lieder für Arthur Rimbaud, Ein Oratorium. 1984
  • Liebe Not, Gedichte. 1986
  • Seit Tagen kein Wunder, Gedichte. 1990
  • Der einzige Gast, Gedichte. 1994
  • Gespräch unter Bäumen, Gesammelte Gedichte. 2002
  • Südraum Leipzig, Gedichte. 2007

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