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Zielinski

Es ist Zielinski, der da aus dem Nichts heraus Einzug in die Wohnung eines allein lebenden Mannes hält. Zielinski, der gepflegte, höfliche Fremde lebt fortan in einer mit blauem Samt ausgeschlagenen Holzkiste, im größten Zimmer des erzählenden Protagonisten. Es riecht nach Holz. Riecht es wirklich nach Holz? Zielinskis Stimme ist schön. Spricht Zielinski wirklich?

Dieser Roman stellt auf eine raffinierte, absurd witzige und mitreißende Weise dar, wie Phantasien und Systeme greifen, wie es funktioniert, sich selbst voll und ganz in eine verheerende Idee zu verstricken, sich sogar in sie zu verlieben. Zielinski ist die Geschichte einer sich obsessiv-wahnhaft steigernden Selbstentfremdung, dargestellt auf eine solch eindringliche und logische Weise, dass man als Leser schwerlich noch in Begrifflichkeiten wie falsch und richtig oder gut und böse mit- oder dagegendenken kann. Nahezu unbemerkt von seinem sozialen Umfeld zieht sich ein Mensch Schritt für Schritt zurück, er kippt aus dem alltäglichen Leben. Dieser Roman ist ein poetischer Seelenkrimi, ein sich immer enger schnürender und ein immer schneller drehender Erzähl- und Mahlstrom. Eine virtuose, radikale Verschiebung des Seins, der Wahrnehmung.

Nina Jäckle versteht es, mit sparsam eingesetzten Kunstmitteln und der ihr eigenen, eindringlichen und sensiblen Sprachführung, den Protagonisten einer bis zum Erschrecken folgerichtigen Entwicklung auszusetzen, ganz so, dass einem beim Lesen schier der Atem stockt. Und sie führt beispielhaft vor, dass es nur einer kleinen, außerordentlichen Setzung bedarf, um aus der Welt des Vermittelbaren hinauszufallen, inmitten einer individualisierten Gesellschaft, die für den Einzelnen keine Augen mehr hat.

„…Ein lesenswertes Buch, wenn man sich drauf einlässt…“
Eine Rezension von Literaturkreismitglied Ute Behrmann, Bad Honnef

Bewertung des Buches: ✮ ✮ ✮ ✮ ✰
Bewertung der Eignung zur Diskussion in Literaturkreisen: ✮ ✮ ✮ ✮ 

 

Erst mal: Es hat mich sehr an meine Arbeit am Telefon bei der Telefonseelsorge erinnert. Ein großer Teil der Anrufenden hat irgendwelche psychischen Probleme. Und das stellt sich nach außen hin in Form einer anderen Wahrnehmung dar, die Probleme sind oftmals schwer nachvollziehbar, ganz anders als wenn eine Freundin ein Problem berichtet.

In diesem Buch wird ein solcher „Fall“ beschrieben, ein Mann, der aus seiner „normalen“ Welt herausfällt aufgrund dessen, was sich in seinem Kopf abspielt. Ich kann nicht fundiert beurteilen, ob das ein realistisches Beispiel ist, auf jeden Fall liest es sich authentisch/realistisch.
Zunächst ist das Buch gewöhnungsbedürftig, weil rational unrealistisch, aber nach einer Weile fand ich es spannend und interessant. Manchmal liest man in der Zeitung nicht nachvollziehbare Artikel wie „Mann erwürgt wildfremden Menschen in der Kirche, weil er sich verfolgt fühlt…“ oder Ähnliches. In diesem Buch wird eine Geschichte erzählt, die solche Prozesse vielleicht etwas mehr nachvollziehbar macht.
Der Mensch besteht im Wesentlichen aus seinen Gedanken. Und die können ohne psychische Probleme schon kulturell sehr unterschiedlich sein. Z.B. haben bei uns viele Menschen schon vor Spinnen in Fliegengröße Angst, was faktisch unbegründet ist, in anderen Kulturen werden große Spinnen gegart und verspeist, was bei uns die meisten Menschen nicht fertig bringen würden.
Gedanken können aber weitreichendere Folgen haben: wir haben zunehmend (in der Wahrnehmung oder real?) mit Problemen wie Burnout, Depressionen, etc. zu tun. Alles das spielt sich letztlich in Gedanken/im Kopf ab. In solch eine Gedankenwelt ist es schwer sich hineinzuversetzen, dieses Buch ist vielleicht hilfreich dafür.
Spannend fand ich zum Beispiel, dass der Mann „helle Momente“ hatte, wo er sich sagte, dass er Medikamente braucht, zum Arzt gehen sollte, oder sich Gedanken darüber gemacht hat, dass sie ihn „außer Gefecht setzen“ würden. Diese „hellen Momente“ sind auch bei Demenz bekannt. Er ist nicht zum Arzt gegangen, die Gedanken waren kurz danach wieder weg.
Oder wie der Mann um sein Problem zu lösen aus seiner Wohnung auszieht, aber letztlich nicht seinen Gedanken davonlaufen kann.

Also ein lesenswertes Buch wenn man sich drauf einlässt und es nicht als „blödsinnige Geschichte“, „unrealistisch, was soll das?“ abtut.
Keine Erzählung im klassischen Sinne, vielleicht gerade deswegen innovativ und auch für Literaturkreise geeignet.

 

Über Nina Jäckle

Jaeckle-Nina1966 in Schwenningen geboren, wuchs in Stuttgart auf, besuchte Sprachschulen in der französischen Schweiz und in Paris, wollte eigentlich Übersetzerin werden, beschloss aber mit 25 Jahren lieber selbst zu schreiben, erst Hörspiele, dann Erzählungen, dann Romane.

Foto: Michael Schröder

Werke

  • Es gibt solche. Erzählungen. 2002
  • Noll. Roman. 2004
  • Gleich nebenan. Roman. 2006
  • Nai, oder was wie so ist. Erzählung. 2010
  • Sevilla. Roman. 2010
  • Zielinski. Roman. 2011.
  • Der lange Atem. Roman. 2014
  • Warten. Erzählung. 2014

Auszeichnungen (Auswahl)

  • Stipendium des Deutschen Literaturfonds (2003)
  • Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg (2004)
  • Stipendium des Heinrich-Heine-Hauses der Stadt Lüneburg (2007)
  • Stipendium Literaturhaus Aargau, 2012
  • Literaturstipendium des Freistaats Bayern, 2012
  • Literaturstipendium des Centre national du livre, 2013
  • Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds, 2013
  • Tukanpreis 2014
  • Italo-Svevo-Preis 2015
  • Evangelischer Buchpreis 2015 für den Roman Der lange Atem
  • 2016/17 Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo

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