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Das Sandkorn
Diogenes
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Das Sandkorn

Ein Mann streut Sand aus Süditalien auf den Straßen von Berlin aus. In Zeiten des Kriegs ist solch ein Verhalten nicht nur seltsam, sondern verdächtig. Der Kommissar, der den kuriosen Fall übernimmt, stößt unter dem Sand auf eine Geschichte von Liebe und Tabu zwischen zwei Männern und einer Frau. Ein Zeitbild von 1914, aus drei ungewöhnlichen Perspektiven.

Es sind die letzten Tage des Kaiserreichs, an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg. Jacob Tolmeyn, Kunsthistoriker aus Berlin, befürchtet, wegen seiner Homosexualität erpresst und verfolgt zu werden, und nimmt einen Forschungsauftrag in Süditalien an, weit weg vom gefährlichen Großstadtkiez. Doch auch unter der apulischen Sonne, bei der Vermessung der staufischen Kastelle zusammen mit seinem Assistenten Beat unter der Aufsicht von Letizia, steht er bald vor demselben Problem. Muss er nun auch in Italien vor Denunzianten zittern? Zurück in Deutschland gerät er trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in die Fänge eines Berliner Kommissars – eines Spürhunds, der einer Fährte aus Sand folgt, die Tolmeyn selbst gelegt hat.

Leseprobe von Das Sandkorn

Mein-Literaturkreis.de Rezension
von Literaturkreismitglied Sylvia B., Bornheim

„Dem Autor gelingt es …, die behandelte Zeit und die Personen lebendig werden zu lassen. … Ich habe mir selbst beim Lesen viele Fragen gestellt..“

Bewertung des Buches: ✮ ✮ ✮ ✮ ✮
Bewertung der Eignung zur Diskussion in Literaturkreisen:✮ ✮ ✮ ✮ ✮

Ich habe den Roman sehr gerne und mit viel Interesse gelesen. Das liegt sicher zum einen daran, dass ich mich schon häufig mit historischen Themen, u.a. mit Kaiser Friedrich II. und mit dem Ersten Weltkrieg, beschäftigt habe und ich die Verarbeitung solcher Themen im Roman immer spannend finde. Zum anderen spricht mich der Roman aufgrund seines Aufbaus und seiner Sprache sehr an. Dem Autor gelingt es meiner Meinung nach, die behandelte Zeit und die Personen lebendig werden zu lassen. Es gibt einige interessante und eigenwillige Personen, die zum Teil mit viel Witz beschrieben werden. Die Beschreibung mancher Situationen rief bei mir ein Schmunzeln und sogar lautes Lachen hervor, obwohl mich auch Passagen des Romans und gerade das Ende traurig gestimmt haben. Immer wieder findet man in diesem Buch jedoch einen ironischen Unterton.

Poschenrieder gelingt es geschickt mit verschiedenen Mitteln Spannung aufzubauen: So wechselt er die Erzählperspektive. Der Leser weiß immer nur das, was Tolmeyn oder der Kommissar erlebt haben oder denken. Der Kommissar tritt sogar als Ich-Erzähler auf. Zudem wird die Spannung durch das Einschieben der zahlreichen rückblickenden Kapitel aufrechterhalten. An dieser Stelle ist generell der Aufbau des Romans bemerkenswert: Am Anfang des Romans steht die Festnahme Tolmeyns, weil er in Berlin auf den Straßen Sand ausstreut. Rückblickend wird erzählt, was Tolmeyn zuvor in Berlin, Rom und auf seinen Reisen erlebt hat. Ferner berichten einzelne Kapitel über seine Zeit nach der Festnahme. Dazwischen stehen aber auch Kapitel, die aus Sicht des Kommissars rückblickend aus den 1920er Jahren erzählt werden. Dem Leser wird erst spät klar, warum Tolmeyn aus Berlin weggehen musste. Einzelne Kapitel enden in dem Moment, in denen der Leser eigentlich sofort wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht. An dieser Stelle wird dann aber zu einem anderen Erzählstrang gewechselt.

Der Roman eignet sich auf jeden Fall für die Besprechung in einem Literaturkreis. Ich habe mir selbst beim Lesen viele Fragen gestellt. Einige Passagen verdienen es von Sprache und Inhalt her, mehrmals gelesen und genauer interpretiert zu werden. Der Autor fordert mit diesem Roman zu Fragen heraus, denn zeitweise wird der Leser / die Leserin im Unklaren gelassen. Nicht alles wird immer genau ausgesprochen und bedarf auf jeden Fall der Interpretation und eigener Überlegungen.

Diskussionsfragen

  • Wann und warum wechselt der Autor zwischen Präsens und Vergangenheitsformen?
  • Was gefällt Ihnen besonders an der Sprache des Autors? Nutzt er eine bildhafte Sprache? Wenn ja, diskutieren Sie einige Beispiele die Ihnen besonders gefallen.
  • Gibt es bestimmte Sätze oder Passagen, die Ihnen besonders aufgefallen sind? Unserer Testleserin, einem Lesekreis-Mitglied gefiel u.a. „Tolmeyn denkt an den Duft Letizias, und an den Beats. Sofern man Gerüche überhaupt denkend herholen kann; denn eigentlich denken die Gerüche uns: Wenn sie wiederkehren, erzwingen sie Erinnerungen und Bilder.“ (S. 19)
  • Wie gelingt es dem Autor, Spannung aufzubauen?
  • Welche historischen Themen werden in diesem Roman angesprochen? Kann man den Roman ohne ein gewisses Vorwissen oder ohne Recherche im Lexikon verstehen? Könnte man die Haupthandlung des Romans auch in eine andere Zeit verlegen?
  • Wie verdeutlicht der Autor, dass Homosexualität in der damaligen Zeit ein Tabuthema war?
  • Wie wird das Leben in der Großstadt Berlin beschrieben? Welche Atmosphäre herrscht dort?
  • Wie wird dagegen das Leben in Rom beschrieben?
  • Wie wird die Landschaft und das Leben in den von Tolmeyn bereisten Gebieten beschrieben?
  • Ist Stammschröer ein typischer Anhänger des Kaiserreichs? Wie wird in diesem Roman der „deutsche Nationalcharakter“ (z.B. durch Imboden) beschrieben?
  • Welche Beziehung besteht zwischen Tolmeyn und Schulze? Warum musste Tolmeyn Berlin verlassen?
  • Welche Beziehung haben Tolmeyn und Imboden zueinander? Warum erzählt Tolmeyn Imboden nicht, weshalb er Berlin verlassen hat? Warum erzählt Imboden Tolmeyn nicht, dass er seinen Dienst in der Schweizer Garde quittieren musste, weil er homosexuell (oder bisexuell?) ist? Würde Imboden Tolmeyns Zuneigung erwidern, wenn man in der Zeit seine Homosexualität offen zeigen dürfte?
  • Wie verändert sich Beat durch seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg?
  • Wie verändert sich Tolmeyns und Imbodens Verhältnis zueinander durch die Anwesenheit Letizias?
  • Welche Bedeutung hat der mittelalterliche Kaiser Friedrich II. für Tolmeyn?
  • Welche Haltung vertritt der Kommissar zum Ersten Weltkrieg? Zeigt er damit eine typische Einstellung der damaligen Zeit?
  • Welche Bedeutung hat die Begegnung Tolmeyns mit der Hexe von Barile für den Ausgang des Romans?
  • Welche Bedeutung haben das Sandkorn bzw. die Sandkörner in diesem Roman? Stehen die Sandkörner bildhaft für etwas?
  • Warum lässt der Kommissar Tolmeyn in dem Glauben, er habe Schulze getötet? Wie bewerten Sie in moralischer Hinsicht die Vorgehensweise des Kommissars? Trägt er dadurch eine Mitschuld an Tolmeyns Tod?
  • Meinen Sie, dass der feindliche Soldat aus der französischen Fremdenlegion, der beabsichtigt, Tolmeyn zu retten, Imboden sein soll?
  • Wie geht es Ihnen mit dem Ende des Romans? Wollte Tolmeyn möglicherweise sterben? Den Satz des Kommissars „Niemand auf der Welt, habe ich mir sagen lassen, ist je dem Treibsand entronnen.“ (S.400) hatte Tolmeyn ja auf einer seiner Reisen widerlegt.

Über Christoph Poschenrieder

Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Danach besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt ›Die Welt ist im Kopf‹ mit dem jungen Schopenhauer als Hauptfigur erhielt hymnische Besprechungen und war auch international erfolgreich. Mit ›Das Sandkorn‹ war er 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Christoph Poschenrieder lebt in München.

Webseite von Christoph Poschenrieder: www.poschenrieder.de

Auszeichnungen / Nominierungen

  • 2014: Nominierung von Das Sandkorn (Longlist) zum Deutschen Buchpreis
  • 2015/2016: Stipendium Internationales Künstlerhaus Villa Concordia, Bamberg
  • 2016 (Oktober/Dezember): Künstlerstipendium Deutsches Studienzentrum in Venedig

Werke

  • Die Welt ist im Kopf. 2010
  • Der Spiegelkasten. 2011
  • Das Sandkorn. 2014
  • Mauersegler. 2015

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