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Deutsche Literatur des Mittelalters: Was ist das überhaupt?

1000 Jahre Literaturgeschichte im Schnelldurchlauf

Das Mittelalter als Epoche dauerte von 500 bis 1500 nach Christus. In diesen 1000 Jahren entstanden ganz und gar unterschiedliche Texte: Bibel- und Legendendichtung, Wissenschaftsliteratur, Rechtstexte, Romane, Lieder, Kochbücher, Heldenepen, Lehrgedichte, Fastnachts- und Passionsspiele und vieles mehr. Daher ist es schwierig, einen umfassenden Überblick über die mittelalterliche Literatur im deutschen Sprachgebiet zu geben, ohne dabei dramatisch zu kürzen, zu generalisieren und auch Wichtiges auszulassen.

Ein großes Problem besteht bei allen Überblicksdarstellungen darin, dass wir nur das nachvollziehen können, was heute noch überliefert ist. Welche ungeahnten Schätze wir „verpassen“, weil die entsprechenden Handschriften verloren gegangen sind, können wir nicht im Ansatz erahnen.

Hören statt Lesen

Gerade zu Beginn des Mittelalters wurde lediglich in Klöstern die Kunst des Lesens und Schreibens gepflegt. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung konnte nicht lesen – auch nicht die Adligen. Im Alltag sprachen die Menschen die Volkssprache: zwischen 750 und 1050 war das Althochdeutsch, anschließend Mittelhochdeutsch und ab 1350 Frühneuhochdeutsch.

Das hatte Konsequenzen für den Literaturbetrieb im Mittelalter: So gab es eine ausgeprägte mündliche Erzähltradition; Sagen und Mythen wurden von fahrenden Sängern immer wieder neu erzählt und dabei leicht variiert. Dadurch entstand ein Geflecht aus Erzählsträngen, das sich über den ganzen europäischen Kontinent erstreckte. Zum Beispiel gibt es auch in Skandinavien viele Fragmente und Parallelfassungen der Siegfriedsage.

Noch bis ins 14. Jahrhundert hinein wurden Dichtungen hauptsächlich an den Adelshöfen vorgetragen – bei prachtvollen Festen ebenso wie zur Abendunterhaltung kleinerer Gesellschaften. Dadurch bekam das Publikum meist nur einen Ausschnitt eines Romans oder eines Heldenepos mit. Das Hörerlebnis muss sich also stark vom heutigen Lesegenuss unterschieden haben. Doch was wurde wann von wem geschrieben? Und wer interessierte sich für Literatur?

Althochdeutsche Literatur (750-1050)

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts, also etwa zur Zeit Karls des Großen, entstanden erste „deutsche“ Texte. Der Begriff des „Deutschen“ ist dabei allerdings mit Vorsicht zu gebrauchen: Wir nennen diese Sprachstufe zwar „Althochdeutsch“, doch die einzelnen Dialekte (Bairisch, Fränkisch, Alemannisch, Sächsisch und Friesisch) unterschieden sich so stark voneinander, dass sich die Sprecher untereinander nicht verstehen konnten. Die Dichtung aus dem 8. und 9. Jahrhundert besteht mit ganz wenigen Ausnahmen aus Übersetzungen von lateinischen Texten in den jeweiligen althochdeutschen Dialekt. Es handelt sich fast ausschließlich um geistliche und Fachtexte.

Mittelalter-Codex-AbrogansDer sogenannte „Codex abrogans“ ist ein schönes Beispiel für Schriftgut aus dieser Zeit: Es handelt sich dabei um ein lateinisch-deutsches Glossar, das nach dem ersten Eintrag – „abrogans = dheomodi“ (bescheiden, demütig) – bezeichnet wird. Es gilt als erstes erhaltenes Buch in deutscher Sprache. (Quelle Foto s.u.)

Frühmittelhochdeutsche Literatur (1050-1150)

Im 9. Jahrhundert brach die deutsche Literaturtradition plötzlich ab (oder sind nur keinerlei Handschriften aus dieser Zeit überliefert?). Es folgten rund 150 Jahre, aus denen uns keine deutschsprachigen Texte bekannt sind. Erst um 1050 setzte die deutsche Dichtung wieder ein – und sie hatte sich deutlich gewandelt. Zwar kennen wir aus dieser Zeit fast nur geistliche Texte, doch sie richten sich nunmehr auch an Laien. Die Dialekte des Althochdeutschen hatten sich inzwischen zu einer einheitlicheren Sprache, dem Mittelhochdeutschen, weiterentwickelt.

Höfische mittelhochdeutsche Literatur (1150-1230)

Als Blütezeit der mittelalterlichen Literatur gelten die Jahre von 1170 bis 1230, weil zu dieser Zeit gleich mehrere herausragende Dichter lebten und wirkten. Die bedeutendsten Werke wurden fast alle in diesen 60 Jahren verfasst: das „Nibelungenlied“, der „Parzival“, die Lieder Walthers von der Vogelweide, „Tristan und Isolde“.

Romane und Heldenepen

Im 12. Jahrhundert entstanden immer mehr Residenzen, in denen sich Adlige mit ihrem Hofstaat niederließen. Dadurch wurde die höfische Etikette wichtig: Wie sollte man sich richtig verhalten – beim Essen, beim Kämpfen, im Umgang mit dem anderen Geschlecht? Was sollte man anziehen? Die „höfische Literatur“, die ab etwa 1170 in Deutschland entstand, griff diese Fragen auf.

Es entstand eine Vielzahl von Romanen, die auf französischen oder lateinischen Vorlagen beruhten und die mit vielen „höfischen Versatzstücken“ (Schilderungen von vorbildlichen Festen, Burgen, Kleidern, Turnieren, Konversationen u. v. m.) ausgeschmückt wurden. Diese Art von Dichtung entstand im Auftrag reicher Mäzene und richtete sich ausschließlich an Adlige. Deshalb spielen Bauern oder Bürger keine nennenswerte Rolle in den Dichtungen des Hochmittelalters. Besonders die Sagenkreise um König Artus, den Trojanischen Krieg, Alexander den Großen, den Heiligen Gral und ganz generell das Thema Liebe sind beliebte Romanstoffe, die bis ins 13. Jahrhundert sehr oft behandelt wurden.

Mittelalter-Nibelungensage-Siegfried-DrachenNeben diesen Auftragsarbeiten im Dienste reicher Fürsten und Grafen wurden zunehmend auch Heldenepen schriftlich fixiert, die zuvor als mündliches Erzählgut über Jahrhunderte hinweg gepflegt worden waren. Das berühmteste Beispiel dieser Art ist das „Nibelungenlied“, das um 1200 von einem unbekannten Dichter aus verschiedenen Sagensträngen zusammengetragen wurde.

Minnesang und Sangspruchdichtung

Außerdem wurde der Minnesang zunehmend beliebter. Die Minnelyriker waren meist Adlige, die als Dilettanten auftraten. Doch es gab auch Berufsdichter – wie (höchstwahrscheinlich) Walther von der Vogelweide –, die ganz außerordentliche Minnelieder verfassten. Besonders bekannt sind Liebeslieder zum Thema „Hohe Minne“: Analog zum Lehensdienst muss der männliche Liebende um seine Geliebte werben, also Minnedienst leisten. Aber seine Mühen sind vergeblich. Sie lehnt seine Avancen ab. Er leidet sehr darunter. Doch aus dem Kummer entsteht auch Schönes, nämlich der Minnesang. Wenn dieser in der Öffentlichkeit vorgetragen wurde, erhöhte sich das Ansehen des Werbenden. Nun darf man keineswegs dieses sehr künstliche Minne-Ideal mit der Wirklichkeit verwechseln: Der Minnesang war Kunst und damit fiktiv – und das wussten sowohl der Dichter als auch sein Publikum. Doch es gab auch Liebeslieder mit „Happy End“ – und vieles dazwischen.

Walther von der VogelweideNeben dem Minnesang hatte auch die sogenannte Sangspruchdichtung ihren Höhepunkt um 1200: Diese Art der Dichtung hatte zuvor Morallehre und religiöse Unterweisung zum Thema und wurde erst durch Walther von der Vogelweide richtig bedeutend. Der berühmte Dichter griff in seinen Sangsprüchen politische Themen auf. Dadurch wurden seine bissig-ironischen Lieder zu einem hochpolitischen Instrument.  Nicht nur seine Sprüche gegen Papst Innozenz III, dem er vorwarf, sich an den Opferstöcken zu bereichern, sind noch heute faszinierend zu lesen.

Spätmittelhochdeutsche Dichtung (1350-1500)

Um 1350 gab es eine Zäsur in der Literatur, deren Ursachen bislang nicht ganz geklärt sind: Die Liedüberlieferung brach plötzlich ab. Beliebte Romanthemen wie der Artusroman hatten sich offenbar überlebt und machten einer weitaus größeren Vielfalt Platz. Auch die Versform kam außer Mode. Stattdessen entstanden Prosaromane, die kürzer, geradliniger und (der Name sagt es bereits) prosaischer sind, als es die ausschweifend-kunstvollen früheren Versromane waren. Die Anzahl an belehrend-moralischen und mystischen Texten nahm stark zu, ebenso wie die Sachliteratur.

Die Städte entwickelten sich nach und nach zu literarischen Zentren, dadurch wurde der Kreis an Dichtern großer und vielfältiger. Auch Juristen, Kaufleute und sogar Handwerker betätigten sich als Literaten. Der Buchdruck veränderte das Buchwesen schließlich enorm und eröffnete für eine deutlich größere Anzahl an Menschen die Möglichkeit, Literatur direkt zu konsumieren. Doch bis zu einer Gesellschaft, in der praktisch jeder lesen kann und jährlich rund 90.000 neue Bücher auf den Markt kommen, war es noch ein weiter Weg.

Über Kristina Folz
Kris-FolzKristina Folz studierte an der Universität Heidelberg Germanistik, Politikwissenschaft und europäische Kunstgeschichte auf Magister. Währenddessen arbeitete sie als Mittelhoch-deutsch-Tutorin und spezialisierte sich auf mittelalterliche Literatur. Dem aktuellen Zeitgeschehen widmete sie sich unter anderem als freie Mitarbeiterin zweier Tageszeitungen. Nach ihrem Studium absolvierte sie ein Volontariat in einem kleinen Fachbuchverlag. Seit 2015 betreibt sie freiberuflich das Lektorats- und Redaktionsbüro „Perflekt“. Nebenbei ist sie als Autorin von Büchern und Lehrmaterialien sowie als vhs-Kursleiterin tätig.

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Fotoquellen:
Codex Abrogans: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 911: Abrogans – Vocabularius (Keronis) et Alia (http://www.e-codices.unifr.ch/en/list/one/csg/0911).

Siegfried, der Drachenbezwinger: Dieter Schütz / pixelio.de
Walther von der Vogelweide: rook76/fotalia

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