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Sturm

Mit viel Einfühlungsvermögen und Sinn fürs Detail erzählt Nobelpreisträger Le Clézio in seinen beiden Novellen von Menschen, die nach schweren Schicksalsschlägen und Zeiten des Verlorenseins die Kraft für einen Neuanfang finden.
So wie der Journalist Philip Kyo, der auf der koreanischen Insel Udo einer verlorenen Liebe nachspürt und der schwer an einer Verfehlung in seiner Vergangenheit trägt. Zwischen ihm und der 13-jährigen vaterlosen June entspinnt sich eine besondere Beziehung, die für beide zum Auslöser wird, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.
Anders die Geschichte von Rachel aus der zweiten Novelle. Als ihre Familie zerbricht und sie ihr geliebtes Afrika verlassen muss, um nach Frankreich zu ziehen, ist sie gezwungen, sich in einem langen, schmerzhaften Prozess nicht nur nach außen, sondern auch im Verhältnis zu ihrer Familie neu zu orientieren.
Meisterhaft oszilliert J.M.G. Le Clézio in seinen Geschichten zwischen Licht und Schatten, Tod und Neuanfang, Wissen und Nicht-Wissen und verleiht seinen Figuren auf diese Weise gleichzeitig Verletzlichkeit und Stärke.

Pressestimmen:

»In der kleinen Form der Novelle erschafft Le Clézio große Literatur.« rbb Kulturradio

Über J.M.G. Le Clézio

J.M.G. Le Clézio, 1940 in Nizza geboren, studierte in Frankreich und England Literatur. Er veröffentlichte über 40 Bücher – Romane, Erzählungen, Essays – und erhielt für sein Werk zahlreiche Preise. 2008 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Le Clézio war als Entwicklungshelfer tätig und lehrte u.a. an den Universitäten von Bangkok, Mexiko-Stadt, Austin und Albuquerque. Er lebt in Frankreich und New Mexiko.

Mein-Literaturkreis.de Rezension
von Literaturkreismitglied Ruth L., Baden-Baden

„Le Clezio vermag es in beiden Novellen sich tief in die Psyche seiner Figuren einzufühlen. Es geht ihm hierbei immer wieder um die seelischen und körperlichen Verletzungen, die Frauen angetan werden.“

Bewertung des Buches: ✮ ✮ ✮ ✮ ✰
Bewertung der Eignung zur Diskussion in Literaturkreisen: ✮ ✮ ✮ ✮ ✮

„Der 1940 in Nizza geborene Autor Jean-Marie Gustave Le Clézio hat schon über 40 Bücher veröffentlicht und wird in Frankreich hoch gelobt. Obwohl er 2008 den Literaturnobelpreisträger erhielt, ist er in Deutschland nach wie vor nicht sehr bekannt.
Le Clezio ist ein Weltbürger; er hat in Afrika, Amerika und Asien gelebt und gearbeite. Zudem besitzt er neben der französischen auch die mauritanische Staatsbürgerschaft.
Seine Bücher spielen sehr oft auf exotischen Schauplätzen und verbinden oftmals mythische und märchenhafte Elemente mit der Realität.

Nun ist ein neues Buch von ihm auf Deutsch erschienen: Sturm, es besteht aus zwei Novellen.
In der ersten, titelgebenden Geschichte sind wir auf der südkoreanischen Insel Udo. Der Ich-Erzähler, der Schriftsteller Philip Kyo, ist hierher zurückgekehrt, wo er vor 30 Jahren mit seiner großen Liebe, der thailändischen Sängerin Mary Song lebte. Damals hoffte er auf einen Neubeginn; er wollte seine Vergangenheit hinter sich lassen. Als junger Journalist hatte er im Vietnamkrieg die amerikanischen Truppen begleitet. Dabei wurde er Zeuge, wie eine junge Vietnamesin von mehreren Soldaten brutal vergewaltigt wurde. Er hätte eingreifen können, stattdessen sah er mit einer gewissen Erregung dem Geschehen zu. Dafür müsste er einige Jahre ins Gefängnis.
Der erhoffte Neuanfang endete jäh, denn seine Geliebte ist eines Tages ohne irgendwelche Erklärung im Meer verschwunden.

Während des jetzigen Inselaufenthalts lernt der mittlerweile 58-jährige Kyo die 13-jährige June kennen. Junes Geschichte bildet den 2. Erzählstrang. Sie ist das uneheliche Kind eines Mannes, den sie nicht kennt und der ihre Mutter verlassen hat. Diese arbeitet auf der Insel als Muscheltaucherin. June ist wie Kyo eine Einzelgängerin, fremd auf der Insel und gemobbt von den Mitschülern.
Zwischen dem Schriftsteller und dem Mädchen entsteht eine Art magische Verbindung. Im Wechsel der Erzählperspektiven erfahren wir von den Verletzungen und Sehnsüchten der beiden.
Le Clézio konzentriert sich auf das Seelenleben seiner beiden Protagonisten, das sich in der Natur, v.a. im Meer und im Wind widerspiegelt.

In der 2. Erzählung „Eine Frau ohne Identität “ steht ein junges Mädchen, Rachel, im Mittelpunkt. Die französische Familie lebt in Afrika, in einem Haus am Strand von Ghana. Eines Tages belauscht Rachel einen Streit ihrer Eltern und muss erfahren, dass ihre Mutter nicht ihre Mutter und ihre jüngere Schwester nur ihre Halbschwester ist. Ihr Vater hatte eine junge Afrikanerin vergewaltigt und später das gezeugte Kind, Rachel, zu sich genommen.
Die Familie muss vor den afrikanischen Bürgerkriegen fliehen, doch kaum in Frankreich angekommen, zerfällt die jetzt heimatlose und mittlerweile völlig verarmte Familie. Rachel findet nirgendwo Halt. Sie wird obdachlos, trinkt und ist voller Hass und Selbsthass. Auch die Begegnung mit ihrer leiblichen Mutter bringt ihr keinen Trost. Vielleicht hilft die Rückkehr nach Afrika, um dort Frieden mit ihrer Vergangenheit zu schließen.

Le Clézio vermag es in beiden Novellen sich tief in die Psyche seiner Figuren einzufühlen. Es geht ihm hierbei immer wieder um die seelischen und körperlichen Verletzungen, die Frauen angetan werden.

Das hat mich sehr beeindruckt. Allerdings gefiel mir die erste Geschichte wesentlich besser als die zweite. Da haben mich die Haenyo, die Seefrauen der Insel, fasziniert. Die Figur der Rachel blieb mir dagegen etwas fremd.“

Diskussionsfragen

1. Erzählung ‚Sturm‘

  • Le Clezio hat diese Geschichte den Haenyo, den Seefrauen der Insel gewidmet. Informieren Sie sich über die Tradition der Muscheltaucherinnen und über die Insel!
  • Kyo sagt über sich „…ich bin für den Rest meines Lebens in einem Gefängnis.“ (S.13) Was meint er damit?
  • Welche Gründe hat Kyo, nach dreißig Jahren auf die Insel zurückzukehren? Was will er hier?
  • Kyo war Zeuge einer Gruppenvergewaltigung. Wie beurteilen Sie sein Vergehen?
  • Er ist überzeugt, dass Mary wegen seines Verbrechens ins Wasser ging. Gibt es Gründe dafür?
  • Auch Mary ist auf die Insel gekommen, um ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Was belastet sie?
  • June sucht den Kontakt zu Philip Kyo. “ Am Anfang war ich es, die ihn gesucht hat…..Jetzt kommt er mir entgegen.“ (S.46) Was zieht die beiden an, was suchen sie in der Begegnung?
  • Interpretieren Sie das Spiel „Sie sind dran, ich bin dran.“(S.50)
  • June erzählt dem Schriftsteller „Die Geschichte von der Kuh“ (S.68f.) Interpretieren Sie diese!
  • June und Kyo beginnen eines Tages über Gott zu sprechen. Stellen Sie die beiden unterschiedlichen Ansichten dazu dar!
  • Die biblische Geschichte von Jona – in welcher Beziehung steht sie zur vorliegenden Erzählung?
  • Als June ins Meer steigt, was sucht sie da? Will sie sich umbringen?
  • Am Ende gehen die beiden Figuren auseinander. Sie brauchen sich nicht mehr. Wie beurteilen Sie das Ende der Erzählung?
  • Das Meer, der Sturm spielen eine elementare Rolle in der Novelle. Suchen Sie Textbeispiele und deuten Sie diese!
  • Le Clezio verschränkt in seiner Geschichte verschiedene Zeitebenen. Wie sind Sie mit seiner Erzählweise klar gekommen?

2. Erzählung ‚Eine Frau ohne Identität‘

  • „Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, habe ich den Eindruck, als habe es ein Vorher und ein Nachher gegeben. Vorher war ich ein Kind, wusste nichts vom Leben, kannte die Bosheit der Erwachsenen nicht. Nachher war ich eine Erwachsene und bin selbst boshaft geworden.“(S.146) Skizzieren Sie die Situation, in der Rachels Familie anfangs lebte!
  • Wie reagiert Rachel auf das, was sie belauscht hat? Welche Auswirkungen hat dies auf ihr Selbstbild?
  • Welche Veränderungen führen dazu, dass die Familie nach Frankreich geht?
  • Wie stellt sich die neue Lebenssituationen für die Familie dar? Welche Auswirkungen hat dies?
  • Wie ist das Verhältnis von Rachel zu ihrer Schwester? Wie verändert sich das im Verlaufe der Geschichte? Können Sie dies nachempfinden?
  • Rachel landet auf der Straße. Was hat dazu geführt? Sie wird zur Brandstifterin. Warum? Was verbrennt sie?
  • Die leibliche Mutter will Rachel treffen. Wie verläuft die Begegnung? Wie beurteilen Sie hier Rachels Verhalten?
  • Rachel kehrt nach Afrika zurück. Was sucht sie dort? Wird sie dort ihren Frieden finden können?

Zu beiden Novellen:

  • Gattungsbezeichnung Novelle : Klären Sie die Merkmale einer Novelle! Was ist das „Unerhörte“ in beiden Geschichten?
  • Welche der beiden Erzählungen hat Ihnen besser gefallen und warum?
  • Gibt es übergeordnete Themen, die in beiden Geschichten eine Rolle spielen?
  • Vergleichen Sie die beiden Mädchenfiguren June und Rachel! Wie gehen sie mit ihrer Geschichte um?
  • Le Clezio thematisiert in beiden Geschichten seelische und körperliche Verletzungen von Frauen. Wie gut gelingt ihm der Blick in die verletzte weibliche Psyche?
  • Wie gefällt Ihnen die Sprache von Le Clezio?

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